014 - Canon EOS R, Pro & Contra

014 Canon EOS R pro und ContraMarco hatte die Möglichkeit die EOS R vier Wochen lang unter unterschiedlichen Bedingungen zu testen. Er nutzte sie bei einer Hochzeit und auf einer Fotoreise in Portugal. Dieser Erfahrungsbericht spiegelt seine persönlichen Erfahrungen mit der spiegellosen Kamera wieder.

Joe: Marco du hattest nun beinahe 30 Tage Zeit die EOS R etwas näher kennen zu lernen. Da wir wissen wollten wie intuitiv der Umstieg von einer Canon DSLR zu einer spiegellosen Canon Kamera sein kann, hast du im Vorfeld absichtlich vermieden dich in das Handbuch der Kamera zu vertiefen. Das Ziel des Tests war, herauszufinden wie unterschiedlich die Menüführungen beider Kameras sind und wie einfach man sich die neuen Features ohne das Handbuch erarbeiten kann.
Berichte doch bitte, welche Erfahrungen du mit der Kamera gemacht hast, was dir besonders gefallen hat, was nicht so toll war und wie sich der Umstieg von einer Spiegelreflex zu einer spiegellosen Kamera anfüllte.
Beginnen wir ruhig mit der Hochzeit deines Bruders, die du zwei Tage nach der Anmietung der Kamera fotografisch begleitet hast.

Marco: Wie du schon eben erwähnt hast, hatte ich lediglich eineinhalb Tage Zeit, um mich auf die Hochzeitreportage vorzubereiten und die Kamera weitestgehend für diese Art der Fotografie zu erkunden. Da ich meine EOS 70D in- und auswendig kenne und die Bedienung aller Menüpunkte sowie des Quickmenüs über das Touchdisplay liebe, war es keine große Umstellung für mich, die ersten Schritte in der Welt der EOS R zu machen. Viele Menüpunkte sind von der Logik her ähnlich aufgebaut, daher fand ich mich schnell zu recht. Lediglich die Touchbar, die sich rechts neben dem Viewfinder befindet war etwas gewöhnungsbedürftig. Ehrlich gesagt hatte ich mich mit der Standardeinstellung der Touchbar, mit der ich die Blende bzw. Verschlusszeit hätte ändern sollen, sogar etwas schwergetan. Doch nachdem ich diese Funktionen über die Tastenbelegung angepasst hatte, konnte ich wieder wie gewohnt mit dem Einstellrad die Blende bzw. Verschlusszeit verändern. Ansonsten fielen mir erst einmal keine weiteren Einschränkungen auf.
Der Body der EOS R ist deutlich leichter und auch etwas kleiner als der von meiner EOS 70D, somit fand ich die Handlichkeit der EOS R durch ihre kompakte Bauweise sehr angenehm.

Joe: Wie waren denn die Erfahrungen am Tag vor der Reportage, als du dir die Location schon mal im Vorfeld angeschaut hast und die EOS R das erste Mal in der Praxis erlebt hast? War es eine große Umstellung für dich, statt durch einen optischen Sucher, in einen elektronischen Sucher zu schauen und das Motiv quasi am mini Display zu sehen? Nimm uns mal kurz mit in den Tag und beschreibe mal die Eindrücke, die du beim Erstellen der ersten Bilder gemacht hast.

Marco: Gerne. Ja, die erste Begegnung mit dem digitalen Sucher war etwas ungewohnt, jedoch nicht störend. Nach einer gewissen Zeit fand ich den digitalen Sucher sogar recht angenehm. Ich empfand es als sehr praktisch, dass ich beim Erstellen des Fotos durch die Darstellung des elektronischen Suchers, das Endergebnis direkt vor meinem Auge hatte. Ich musste mir nicht großartig Gedanken darüber machen, ob das Bild unter- oder überbelichtet ist, da ich ja das fertige digitale Bild schon vor dem Auslösen im digitalen Sucher sah und entsprechend durch Auf- oder Abblenden im Vorfeld reagieren konnte. Gerade bei Motiven mit einem großen Dynamikumfang, empfand ich die Vorschau des fertigen Bildes im digitalen Sucher, als sehr praktisch. Schließlich sah ich das fertige Foto, so wie die Kamera die Umgebung wahrnimmt, schon vor dem Auslösen. Ganz anders verhält es sich bei einer Spiegelreflexkamera, da sehe ich das Motiv bzw. die Umgebung mit meinen Augen durch den optischen Sucher. Das menschliche Auge erfasst einen viel höheren Dynamikumfang und gleicht hohe Helligkeitsunterschiede in Millisekunden aus. Hier muss ich mit Hilfe meiner fotografischen Erfahrungen die Umgebung beurteilen und den Anschnitt so wählen, dass der Dynamikumfang des Bildes in etwa dem der Kamera entspricht.
Letztendlich war der Übergang von der Spiegelreflex zur spiegellosen Kamera fließend, ohne nennenswerte Nachteile. Selbst die einzelnen Angaben zur Belichtungskorrektur, ISO, Blende und Verschlusszeit waren bei beiden Kamerasystemen im Sucherfeld nahezu identisch.
Ich habe die fertigen Bilder immer über das große Klappdisplay kontrolliert, bis ich irgendwann, ich denke das war mitten in der Reportage, bemerkt hatte, dass ich mir die fertigen Bilder im digitalen Sucher anschauen kann. Ich kann mich noch gut daran erinnern, dass ich im digitalen Sucher, nachdem ich ein erstelltes Bild auf dem Klappdisplay kontrolliert hatte, ein zuvor geschossenes Bild sah, anstatt der neuen Szenerie, die sich gerade vor mir abspielte. Offensichtlich hatte ich vergessen den Wiedergabe Modus auszuschalten. Als ich die Kamera wieder an mein Auge ansetzte, wurde mir vom digitalen Sucher noch immer das zuvor erstellte Bild gezeigt. Nachdem ich dieses Feature entdeckt hatte, lernte ich es zu schätzen.
Aber kommen wir nochmal zurück auf den Tag vor der Hochzeit. Ich hatte die Location erkundet, mehrere Testbilder erstellt und geschaut, wie die Kamera sich verhält. Dabei fiel mir auf, dass sie speziell mit dem EOS R Objektiv extrem schnell und präzise fokussiert. Selbst in dunkleren Umgebungen war der Autofokus immer schnell zur Stelle. Das kannte ich von meiner Spiegelreflex, in der Präzision und Geschwindigkeit, nicht. Ich stellte auch fest, dass die Kamera selbst bei ISO 6400 sehr geringes Bildrauschen aufweist. Dieses Verhalten ist perfekt für Reportagen in geschlossenen, dunklen Räumen, wozu speziell Kirchen und Standesämter zählen. Ich erinnere mich an die Hochzeit von Sebastian vor zwei Jahren, die ich mit der EOS 70D begleitet hatte, da hatte ich bei fast jedem Bild Bauchschmerzen. In der Kirche war es sehr dunkel und meine Kamera wollte, dass ich am liebsten einen ISO-Wert von 3200 oder gar 6400 verwende. Da die EOS 70D jedoch ab ISO 800 sehr stark zum Bildrauschen neigt, habe ich den ISO Wert auf maximal 800 begrenzt, was sich dann auf die Verschlusszeit negativ auswirkte. Ganz anders verhielt es sich bei der EOS R, die Bilder, die ich testweise mit ISO 6400 gemacht hatte, wiesen zwar leichtes Rauschen auf, dieses konnte jedoch in Lightroom fast vollständig eliminiert werden.

Joe: Die EOS R ermöglicht über den Objektiv Mount Adapter die Verwendung von sowohl EF als auch EFS Objektiven. Wie gestaltete sich die Handhabung mit unterschiedlichen Objektiven während der Hochzeit?

Marco: Ja, über den Adapter kann ich auf meinen gesamten Objektivfuhrpark zurückgreifen. Vom Weitwinkel Objektiv über das 50mm bis hin zum leichten Zoom und Tele. Da ich aber, Gott sei Dank, mit der EOS R im Kit auch das EOS R 24-105mm Objektiv zur Verfügung hatte, habe ich während der gesamten Reportage, ausschließlich mit diesem universellen Objektiv gearbeitet. Es war eine absolute Freude dieses Objektiv im Einsatz zu haben. Zum einen, hatte ich die volle Abdeckung aller 5.655 Fokuspunkte genossen und zum anderen, konnte ich mit dem ultra schnellen Fokus in jeder Situation punkten. Das i-Tüpfelchen wäre eine Blende von 2.8, die dieses Objektiv nicht mitbringt. Jedoch selbst mit einer Blende 4 und 50 oder 80mm Brennweite konnte ich einen schönen Freisteller mit Hintergrundunschärfe erreichen.
Das Fokussieren bei der EOS R ist unheimlich schnell und präzise, jedoch war die Wahl des Fokuspunktes für mich die größte Umstellung. Ich hatte zuerst versucht mit dem Steuerkreuz der EOS R den gewünschten Fokuspunkt einzustellen, doch das ist mir nicht so gut gelungen. Man muss dazu wissen, dass bei der Betätigung des Steuerkreuzes sich die Fokus-LED Punkt für Punkt in die gewählte Richtung bewegt, was einem quälend langsam vorkommt. Bis ich den gewünschten Punkt erreicht hatte, verging einfach viel zu viel Zeit. Diese punktuelle Fortbewegung bei der Fokussierung hat mich regelrecht genervt. Daher habe ich eine andere Methode verwendet. Ich hätte natürlich Fokuszonen einstellen können, so dass ich mich mit dem Steuerkreuz von Zone zu Zone hätte bewegen können, doch das kennst du ja von deiner 5DMark III, bei Zonen ist nie garantiert, dass der Fokus so einwandfrei sitzt, wie bei den einzelnen Fokuspunkten.
Ich hatte während der Reportage über das Touchdisplay den Fokuspunkt per Touch im Liveview gesetzt. Einen kleinen Nachteil hatte diese Methode, ich musste zwecks Fokussierung die Kamera kurz vom Auge absetzen, die Bildkomposition über das Display betrachten und dann per Touchscreen den Fokuspunkt wählen. Diese Methode ist zwar etwas umständlich, doch nach den ersten 30 Auslösungen wurde diese Art zu Fokussieren für mich zur Routine.

Joe: Hattest du versucht über das Touchdisplay zu fokussieren, während du die Kamera vor deinem Auge gehalten hast? Also ich meine einfach z.B. mit dem Daumen der rechten Hand auf das Touchdisplay zu tippen, während du in den digitalen Sucher schaust?

Marco: Das habe ich in der Tat kurz ausprobiert, leider hat es bei mir nicht geklappt. Sobald ich die Kamera nah an mein Auge führte, deaktivierte ein Sensor die Funktionalität des Touchdsiplays. Das Feature mit dem Sensor, hat mich später auf der Fotoreise auch nochmal etwas genervt. Jedes Mal, als ich euch meine Bilder auf dem Display zeigen wollte und dazu mit der Hand versucht hatte das Display etwas abzuschatten, kam ich offenbar an den besagten Sensor dran und das Display wurde einfach schwarz.

Nachtrag:
Canon hat sich für ein schnelles Fokussieren mit der EOS R etwas Neues einfallen lassen. Damit der Fotograf in der Lage ist über das Touchdisplay, durch Tippen oder Wischen, zu fokussieren, muss diese Funktion zuvor im Einstellungsmenü aktiviert werden. Nach der Aktivierung kann man, selbst wenn die Kamera ans Auge angesetzt wird, bequem mit dem Daumen durch das Antippen des Touchdisplays oder durch das Wischen über das Display den gewünschten Fokuspunkt setzen. Die Aktivierung erfolgt im Menüpunkt AF Einstellungen, speziell im Untermenüpunkt Touch & Drag. Hier kann sogar der Displaybereich, der zum Fokussieren genutzt wird, definiert werden. Dazu stehen mehrere Bereiche zur Auswahl. So ist auch gewährleistet, dass man beim Ansetzen der Kamera ans Auge nicht zufällig mit der Nasenspitze einen Fokuspunkt aktiviert.

Joe: Hast du im Nachhinein geschaut, ob man entweder die Sensitivität des Sensors verändern oder ihn gar komplett abschalten kann?

Marco: Nein, habe ich jetzt nicht recherchiert. Die Herausforderung lag ja darin, die Kamera quasi intuitiv bedienen zu können, ohne das Handbuch zuvor studieren zu müssen. In den Menüpunkten, die ich mir dazu angeschaut hatte, konnte ich keine Einstellung entdecken, die das Abschalten des Sensors bzw. die Veränderung seiner Empfindlichkeit ermöglichte.

Joe: Wie waren deine Erfahrungen bzgl. des Lieferumfangs des EOS R Kits. Hast du zusätzliches Equipment gebraucht oder bist du mit dem gelieferten Equipment ausgekommen? Es stellt sich vor allem die Frage ob der eine Akku, der im Lieferumfang dabei ist eine Reportage durchhält?

Marco: Da sagst du was. So schnell, präzise und genau die Kamera ist, so energiehungrig ist sie auch. Mit einem Akku wäre ich keines Falls ausgekommen. Das Shooting dauerte von morgens 8 Uhr bis abends 17 Uhr. Während des Shootings sind an die 1000 Bilder und zwei dreiminütige 4K-Filme entstanden. Ich war sehr froh, dass ich in weiser Voraussicht 3 Ersatz Akkus mitgenommen hatte. Letztendlich habe ich 2,5 Akkus benötigt. Der Hunger der Kamera beschränkt sich nicht nur auf den Energieverbrauch, sondern äußert sich auch im hohen Speicherbedarf. Man benötigt für Foto und Film deutlich mehr Speichermedien, als ich es von meiner EOS 70 D gewohnt bin. Für die Reportage habe ich insgesamt 4 SD Karten a 32 GB vollgeschrieben. Diese Erfahrung vor Augen, habe ich mir für die Fotoreise zusätzlich eine 128 GB SD Karte besorgt, um ausreichend Kapazität zu haben.
Übrigens, beim Filmen ist die Kamera ein Traum. Die Gesichtserkennung ist wirklich richtig gut. Da hat Canon nochmal mächtig nachgelegt. Stabi beim Filmen habe ich jetzt nicht verwendet, da ich den Hochzeitstanz vom Stativ aus gefilmt hatte.

Joe: Wie ist nun dein Fazit bzgl. der spiegellosen Kamera im Vergleich zu einer DSLR? Gibt es Features, die du bei einer Spiegelreflex Kamera vermisst hättest?

Marco: Nein, wenn ich die beiden Vollformat Kameras 5DMark III mit der EOS R vergleiche, fällt mir keine Besonderheit der EOS R auf, die ich bei der 5DMARKIII vermissen würde. Natürlich sind die technischen Daten der EOS R besser als die der 5Dmark III, ist sie doch viel jünger und technisch auf dem aktuelleren Stand. Bei der Fokussierung im Fotografie Modus, hätte ich mich mit einer 5Dmark III und ihrem Joystick deutlich leichter getan. Es ist schon toll, dass die EOS R 5.655 Fokuspunkte über das ganze Bild verteilt hat, doch bis man die mit dem Steuerkreuz durchlaufen hat, ist das Motiv schon längst wo anders.
Positiv fiel mir die Geräuschentwicklung beim Fotografieren auf. Die Spiegellose Kamera ist extrem leise, so dass ich in der Kirche sicherlich niemanden durch das Auslösen der Bilder gestört habe. Etwas anders verhält es sich bei Spiegelreflexkameras, die können bis weilen beim Auslösen recht laut werden.

Joe: Gut, dann kommen wir doch zu unserer Fotoreise. Hier hattest du nun 14 Tage Zeit die Kamera unter unterschiedlichen Bedingungen zu checken und auszuprobieren. Hast du im Vorfeld die Kamera noch speziell getestet oder gewisse Fototechniken mit ihr durchgespielt?

Marco: Ich hatte jetzt keine weiteren Tests vor der Reise unternommen, dazu war die Zeit zu knapp. Ich hatte lediglich in Bezug auf die Objektive nochmal etwas recherchiert, ob es für meine EFS Objektive Einschränkungen geben würde. Mit Hilfe des Objektiv Mount Adapters kann ich sowohl mein Ultraweitwinkel (EFS, APSC-Objektiv) als auch mein Teleobjektiv (EF, Vollformat-Objektiv) an die Kamera anbringen. Die Kamera erkennt automatisch, wenn ein APSC Objektiv andockt und schaltet einen Crop ein. Dabei wird die Umrechnung der Brennweiten voll automatisch durch die Kamera vorgenommen, gleichzeitig reduziert sich die Bild-Auflösung. Bei APSC Objektiven sinkt wegen dem Crop die Bild-Auflösung von 30,1 Megapixel auf 11,6 Megapixel. Ich konnte also, wie geplant mein 10-22mm Ultraweitwinkel und mein 70-300mm Teleobjektiv, so wie das mitgelieferte 24-105mm Objektiv mitnehmen. Auch wenn vom Handling her, immer zuerst der Adapter an die Linse und dann beide ins Kamerabajonett reingeschraubt werden, nimmt man den zusätzlichen Schritt, gerne in Kauf. Die Alternative wäre, den gesamten Objektivfuhrpark zu erneuern und durch RF Objektive zu ersetzen, was recht teuer ausfallen kann.

Joe: Wie waren denn deine Erfahrungen auf der Fotoreise und welche Pros und Contras haben sich während des Einsatzes der EOS R herausgestellt?

Marco: Im Handling fiel mir das geringe Gewicht und die kleineren Ausmaße des Bodys positiv auf. Schließlich trage ich die Kamera währende der Fotoreise permanent mit mir, um jederzeit eine interessante Szenerie einzufangen. Dadurch dass die Kamera kleiner und kompakter wirkt, hatte ich das Gefühl, dass ich eher als Touri wahrgenommen wurde denn als Fotograf, was manchmal durchaus vorteilhaft sein kann.
Der Energiehunger hielt sich auf der Fotoreise in Grenzen. Hier kam ich pro Tag mit einem Akku aus, außer an dem einen Tag, wo wir abends längere Zeit die Trams fotografiert hatten und ich zusätzlich noch 4K Filme erstellt hatte, da habe ich den Akku wechseln müssen.

tram at nightfall

4K Video, aufgnommen mit der EOS R in Lissabon bei Anbruch der Nacht

Auch als wir viele Langzeitbelichtungen durchgeführt hatten in Lissabon, da war der Energieverbrauch enorm. Während du mit deiner 5Dmark III mit nur einem Akku auskamst, musste ich den Akku wechseln.

Tore de Belem

Enorme Vorteile bot mir das klappbare Display, speziell im Einsatz am Stativ. Egal wie unmöglich der Blickwinkel war, konnte ich das Display beliebig ausrichten und per Liveview über das Touchdisplay fokussieren.
Speziell bei den Landschaftsaufnahmen machen sich die vielen Fokuspunkte, die quasi das gesamte Bild abdecken, bezahlt. Hier kann ich nach der Ausrichtung der Kamera und dem Bildkomposing, jeden beliebigen Punkt des Bildes als Fokuspunkt auswählen. Das konntest du bei deiner 5Dmark III ja nicht, da warst du auf deine 61 Fokuspunkte beschränkt. Und wenn die nicht auf das gewünschte Motiv zeigten, dann musstest du nach dem Fokussieren nochmal die Kamera neu ausrichten.
Hervorheben möchte ich auch das Feature Fokus Peaking, das ausschließlich bei den RF Objektiven wählbar ist. Nachdem ich auf mein Motiv fokussiert hatte, habe ich bei Aufnahmen vom Stativ, den Autofokus abgeschaltet und konnte nun über das Display per Fokus Peaking kontrollieren, ob der gewünschte Bereich sich immer noch im Fokus befand, auch wenn ich entweder die Brennweite verändert oder die Ausrichtung der Kamera minimal verändert hatte. Wurde das Motiv im Display rot nachgezeichnet, wusste ich, dass der Fokus saß. War es nicht der Fall, konnte ich per Fokusring manuell nachfokussieren, bis das Motiv rot nachgezeichnet wurde. Dieses Feature möchte ich nicht mehr missen, da es das Leben des Landschaftsfotografen enorm erleichtert.
Die Qualität der gemachten Fotos ist einfach nicht mit den Fotos der EOS 70D zu vergleichen. Hier trägt einerseits der Vollformat Sensor dazu bei, dass die Bilder wertiger wirken, andererseits ist der Dynamikumfang der Kamera deutlich besser als bei der 70D. Gerade bei den Sonnenuntergangsbildern merkt man den verbesserten Dynamikumfang der Kamera am deutlichsten. Der Helligkeitsunterschied zwischen dem grellen Himmel und einen sehr dunklen Felsen, Leuchtturm oder einfach dem Meer ist enorm. Hier sieht man ganz gut wie stark der hohe Dynamikumfang der EOS R diese Unterschiede sanft ausbalanciert.

sunset algarve

Was mir eher missfiel war die Tatsache, dass ich am Tag durch meine Sonnenbrille im digitalen Sucher nichts gesehen hatte. Hier musste ich entweder immer die Sonnenbrille abziehen, oder komplett auf die Sonnenbrille verzichten. Ich entschied mich für den Verzicht, doch speziell auf Reisen kann die grelle Sonne, lichtempfindliche Augen schon arg reizen und stören. Gleichzeitig hat sich im Touchdisplay, über den ich ja auch fokussierte, die Sonne derart gespiegelt, dass nur mit einer Sonnenbrille etwas zu erkennen war. Somit war ein auf und ab der Sonnenbrille während des Fotografierens eigentlich ein Muss.
Der digitale Sucher hat mir das Kontrollieren des Bildes bei greller Sonne enorm erleichtert. Er ermöglichte mir das gemachte Bild exakt zu beurteilen, egal wie grell die Sonne schien, denn beim Schauen in den Viewfinder spiegelte sich kein Licht wieder. Das war ja bei deiner Spiegelreflex Kamera nicht möglich. Die Nachschau auf deiner Spiegelreflex stand nur auf dem großen Display zur Verfügung. Durch die Spiegelung des grellen Lichts, konntest du auf deinem Display so gut wie nichts erkennen. Meist hast du dann versucht das Display irgendwie abzuschatten, um wenigstens etwas erkennen zu können.
Auch die schnelle Serienbildfunktion und der große Puffer der EOS R haben mich begeistert. Ich habe das speziell bei Panorama Aufnahmen ganz deutlich gemerkt. Während du mit deiner Speiegelreflexkamera langsam Bild für Bild geschossen hattest. Konnte ich mich hinstellen, die Kamera von links nach rechts schwenken und klack,klack,klack,klack… bis zu 30 Bilder mit der Serienbildfunktion das Panoramabild deutlich schneller am Stück aufnehmen.

Douro Valley Pano

Auch in Porto, als wir vor der Carmo Kirche die heranfahrenden Trams erfasst hatten, da war nach 6 Aufnahmen der Puffer deiner Kamera voll. Du musstest dann abwarten, bis der Puffer geleert war, um ein weiteres Bild machen zu können. Meist war dann die Tram schon an dir vorbeigefahren. Mit der EOS R konnte ich die ganze Szenerie des Heranfahrens und des Herausfahrens aus meinem Bild am Stück festhalten.
Die integrierte Langzeitbelichtungsfunktion ist ebenfalls der Hit. Wie du dich sicherlich erinnerst, habe ich in Porto beim Leuchtturm meinen Fernauslöser nicht dabeigehabt. Nun stellte sich die Frage, ob die Kamera nicht vielleicht ein Langzeit-Timerbelichtungsprogramm integriert hat. Da du im Vorfeld über diese Funktion in einem Testbericht gelesen hattest, wusste ich, dass in den Untiefen der Menüführung diese Funktion irgendwo versteckt sein muss. Während du schon die ersten Sonnenuntergangs Fotos geschossen hast, habe ich im runtergeladenen Handbuch der Kamera explizit nach dieser Funktion gesucht und sie dann irgendwann gefunden. Leider ist diese Funktion weit entfernt von einer intuitiven Bedienung. Sobald man einen Timer eingestellt hat, funktioniert diese Einstellung genau einmal. Danach darf man die gesamte Einstellprozedur nochmal durchlaufen, um ein weiteres Langzeitbelichtungsfoto zu erstellen. Aber ja, Gott sei Dank gab es überhaupt diese Funktion, sonst hätte ich die unten aufgeführten Bilder gar nicht machen können.

Lighthouse Foz

Wenn das Leben ein Wunschkonzert wäre, dann würde ich mir folgendes wünschen:
a) dass diese Funktion auf einen leicht zugänglichen Short-Cut abgelegt ist
b) dass man die Langzeitbelichtung nicht nur durch das Ausschalten der Kamera unterbrechen kann
c) dass man die vorgenommenen Einstellungen für die nächsten Aufnahmen übernehmen kann, ohne die Einstellprozedur ständig wiederholen zu müssen
d) bei der Einstellung dieser Funktion, wäre eine integrierte Auslöseverzögerungsfunktion von 2 Sekunden schön. Wenn ich schon keinen Fernauslöser dabeihabe, dann möchte ich, dass die Kamera keine Wackelbewegungen durch das Drücken von Kameraknöpfen ins Bild überträgt, daher sollten zwischen Knopfdruck und Auslösung 2 Sekunden liegen.

 Joe: Ich habe gelesen, dass die EOS R eine tolle App fürs Smartphone verpasst bekommen hat und dass man mit der App quasi aus der Ferne jegliche Einstellungen an der Kamera vornehmen und auch auslösen kann. Wäre hiermit eine Langzeitbelichtung möglich?

 Marco: Nein, das habe ich als Erstes versucht, als ich den Fernauslöser vergessen hatte. Eine normale Auslösung ist möglich. Eine Langzeitbelichtung über 30 Sekunden leider nicht, außer man würde mit dem Daumen auf dem Auslösebutton des Smartphones solange verweilen, bis die Langzeitbelichtung abgeschlossen ist. Eine Feststellung des Auslösers wäre ein cooles Feature. Was aber toll ist, ist die Tatsache, dass man wirklich alle Einstellungen der Kamera: Blende, Verschlusszeit, ISO über das Smartphone machen kann. Bei der Nachtfotografie kann die App sicherlich sehr hilfreich sein, da man alle Werte auf dem größeren Smartphone Display sieht und meistens nach Sonnenuntergang keine Langzeitbelichtung über 30 Sekunden erstellt.
Die Übertragung der Bilder von der Kamera auf das Smartphone per WLAN funktioniert übrigens einwandfrei und relativ zügig. Möchte man also die gemachten Bilder z.B. in Social-Media verwenden, so steht dem nichts im Weg.

Joe: Wenn du nun, nach all den Erfahrungen, die du gemacht hast, wählen könntest zwischen einer spiegellosen und einer Spiegelreflex Kamera. Wie würdest du dich entscheiden?

Marco: Wenn ich das RF Objektiv dazu bekäme, dann würde ich mich für die spiegellose Kamera entscheiden :-) . Vom Handling ist die EOS R schon sehr angenehm. Das ist jetzt keine Grundsatzentscheidung zwischen spiegellos und spiegelbehaftet, sondern einfach ein Gefühl bzgl. des gesamten Handlings.

Joe: OK, also werten wir das als ein eindeutiges Plus für die EOS R. Gehen wir doch bitte nochmal kurz auf die Nachtfotografie ein. Speziell timelapse, ist timelapse direkt aus der Kamera möglich oder musst du, nach wie vor, erstmal 300 Bilder machen um ein timelapse von 10 Sekunden zu erstellen?

Marco: Ja, Canon hat eine timelapse Funktion in die Kamera integriert. Der einzige Nachteil der Funktion ist jedoch, dass die Kamera sofort ein 4K Video erstellt. Was also fehlt, sind die einzelnen Bilder. Ich selektiere aus den timelapse Bildern häufig eins, dass ich anschließend im Großformat auf Leinwand drucken lasse.

Gleichzeitig kann man jedoch die Erstellung des Videos auch als Vorteil sehen, denn man spart sich das Verrechnen der Bilder, schließlich hat man ein fertiges Video.

Ich wollte die einzelnen Fotos haben, daher habe ich die integrierte Funktion selten genutzt. Vorwiegend habe ich herkömmlich mit meinem Intervalometer die Bilder erstellt und später nach der Entwicklung der Bilder, sie zu einem timelapse verrechnet.

Timelapse, bestehend aus 720 Einzelbildern

Fazit:
Hier findest du in Kurzform alle Pros und Contras, die wir für uns im Rahmen unseres Checks festgestellt haben:

EOS R Pro:

  • In Kombination mit dem RF Objektiv verfügt die EOS R über 5.655 Fokuspunkte
  • Schnelles Fokussieren bei Dunkelheit möglich, eine zusätzliche Lichtquelle ist nicht nötig
  • Die Bedienung des Touchdisplays ist sehr angenehm, präzise und schnell. Speziell beim Fokussieren über Liveview ein tolles Feature
  • Der digitale Sucher ist bei grellem Umgebungslicht für die Bild Nachschau top
  • Der digitale Sucher liefert noch vor dem Auslösen, das fertige Bild, so wie die Kamera die Umgebung wahrnimmt
  • Der RF-mount Adapter ist Gold wert, wenn man einen Objektivfuhrpark bestehend aus APSC und Vollformat Objektiven hat
  • Die EOS R ist beim Auslösen angenehm leise
  • Der Body ist klein und kompakt
  • Das klappbare Display hat sich bei vielen unterschiedlichen Perspektiven bewährt
  • Das Fokus Peaking ist ein tolles Feature, speziell bei Stativaufnahmen
  • Integrierte Langzeitbelichtungsfunktion
  • Integrierte WLAN Funktion

EOS R
 Contra:

  • Die Standardbelegung der Touchbar ist gewöhnungsbedürftig
  • Das Bild im digitalen Sucher ist durch eine Sonnenbrille nicht zu erkennen
  • Durch das neue RF-Bajonett muss man bei nicht RF Objektiven unbedingt einen Adapter verwenden
  • Das Fokussieren mit dem Steuerkreuz der EOS R ist auf Grund der vielen Fokuspunkte eine Qual
  • Das Fokussieren per Touchdisplay und Touch and Drag muss erst explizit in einem Untermenüpunkt bei AF Einstellungen aktiviert werden, dies ist wenig intuitiv
  • Ein Joystick wie bei der 5DMARK III fehlt leider
  • Sehr empfindlicher Sensor, der bei geringster Abschattung das Touchdisplay deaktiviert
  • Enormer Energieverbrauch, speziell beim Filmen und Langzeitbelichtungen
  • Großer Speicherhunger der Kamera
  • Integrierte Langzeitbelichtungsfunktion ist leider sehr versteckt in der Menüführung und wenig intuitiv
  • Die Fernbedienung per Smartphone App erlaubt keine vernünftige Langzeitbelichtung über 30 Sekunden
  • Nur ein Kartenslot, kein natives Backup möglich